In PARADOXES REISEN/ PARADOXON

Indien

Indien:

Lange ist es her, seit ich mit euch einen Beitrag geteilt habe. Viel zu lange würde ich sagen. Doch es ist einfach viel passiert in meinem Leben. Einiges davon hat mich so stark beschäftigt und in Beschlag genommen, dass ich keinen Gedanken fürs Schreiben übrig hatte. Irgendwann waren meine Gedanken, meine Wünsche, meine Sehnsüchte, ja sogar meine Ängste so groß und unkontrollierbar, dass ich beschlossen habe, diese Reise anzutreten, von der ich euch nun berichte.

Es ist eine Reise ohne Ziel und ohne Anspruch. Eine Reise ohne kulinarischen Hotspot oder monumentale Sehenswürdigkeiten. Eine Reise mit mir, für mich und vielleicht sogar zu mir.

Nun sitze ich hier im Flugzeug, habe die Hälfte meiner Strecke schon hinter mir und frage mich gerade, ob sich nach dieser Reise etwas ändern sollte oder sogar muss. Ich bin gespannt, ob ich zu einem späteren Zeitpunkt eine Antwort auf diese Frage habe. Ich muss zugeben, dass die anfängliche Nervosität und die zwischenzeitliche Angst verschwunden sind. Das alles hat sich mittlerweile in Vorfreude und eine innere Ruhe verwandelt. Eine innere Ruhe, die ich nicht kenne. So muss es sich anfühlen, wenn man nach Hause kommt. Dieses Gefühl ist mir neu, ich habe mich nirgendwo so wirklich heimisch gefühlt. Oder ist das vielleicht nicht das richtige Wort? Ich habe nirgendwo das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen. Ich kenne überall eine Familie bestehend aus den tollsten Freunden, die man sich vorstellen kann, aber ortsbezogene Heimatgefühle kenne ich nicht.

Im Vorfeld dieser Reise hat sich beinahe jeder positiv über Indien geäußert. Ich bin sehr gespannt, was dieses Land mit mir machen wird, wozu es mich zwingen wird und was ich mit nach Hause nehmen darf. Es ist übrigens die erste Reise, die ich angehe, bei der ich nicht genau weiß, wohin ich essen gehen werde, was für Restaurants in der Nähe sind, wo coole Bars versteckt sind oder tolle Hotelkonzepte wären, die ich mir anschauen müsste. Irgendwie fühlt sich das ganz erfrischend an.

Ich habe mich nicht mal besonders mit dem Ashram beschäftigt, in den ich gehen werde, geschweige denn mit der Stadt, in der er sich befindet. Ich habe für mich entschieden, alles diesmal auf mich zukommen zu lassen und mich treiben zu lassen von den Situationen und den Menschen, denen ich begegnen werde.

Nach einer recht kurzen Nacht muss ich feststellen, dass das gut gemacht wird. Hier werden dir sofort ohne Druck deine Konventionen genommen. Während ich gewohnt bin, pünktlich zu sein, scheinen hier die Uhren ein wenig anders zu ticken. Vielleicht sollte ich meinen Pünktlichkeitszwang mal überdenken? Zumal man schon auf Facebook lesen kann, dass unpünktliche Menschen kreativer sein sollen. (Jetzt muss ich echt schmunzeln…)

Nach einer kurzen Führung über das Gelände werden uns die wichtigsten Regeln und Meditationen erklärt. Doch bevor das los geht, dreht die junge nette Dame aus Island, die die Führung mit uns macht, die Musik auf und bittet uns zu tanzen. Ja, zu tanzen?!?! Jeder, der mich kennt, kann sich meinen Gesichtsausdruck und meine Gedanken vorstellen. Doch nach zwei bis drei Minuten, in denen das Spektakel auf mich wirkt, muss ich feststellen, dass es ohne Zwang und ohne Kontrolle passiert und mich auch beim nichts tun keiner beachtet oder rügt. Also fange ich ebenfalls an zu tanzen. Es ist großartig, denn bis dato stammen meine einzigen Tanzversuche aus einem dunklen Club, in dem ein guter DJ aufgelegt hat, und den mickrigen Stunden in der Tanzschule.

Das ganze hier ist, muss ich feststellen, ein Zwischending zwischen Urlaub für die Seele und Zuhause sein. Alles ist natürlich ungezwungen und unaufdringlich. Du kannst eigentlich tun, was dir gerade Freude bereitet. Man lernt schnell Menschen kennen und findet intuitiv die passenden Plätze. Situationen und Gespräche ergeben sich wie von selbst. Das Schöne daran, all die Gespräche sind nicht oberflächlicher Natur und reduzieren sich nicht auf deine Arbeit, deine Kleidung, deine Herkunft, deine Uhr oder gar dein Aussehen. Jeder hier hat eine Geschichte und einen Weg, der ihn hierher gebracht hat. Denn eines ist klar, hier ist keiner, der eigentlich in Lloret de Mar einen All-inclusive-Club buchen wollte und kein Zimmer mehr bekommen hat.
Ich habe wirklich noch nie einen Ort gesehen, an dem es so einfach ist, Kontakte zu knüpfen und zeitgleich der Einsamkeit zu frönen. Faszinierend, was für Menschen hier aufeinandertreffen und was sie zu erzählen haben.

Nach der Einführung und den ersten Meditationen ist mein Hunger dann doch groß. Ich muss auch sagen, dass viele Meditationen mit körperlicher und geistiger Beanspruchung verbunden sind. Einige Meditationen sind wie Sport und körperlich anstrengend. Einige sind für den Geist extrem anstrengend und wieder andere zutiefst entspannend.

Da ich, wie das Leben so spielt, gleich einen wundervollen Menschen kennenlernen durfte, der Indien ein wenig intensiver kennt, sieht und liebt, ist das erste Essen gleich außerhalb der behüteten und beschützten Wände des Ashrams in einer kleinen Behausung, in der sich die Katzen, Hühner und Gäste den Platz am Boden beim Essen teilen. Das Essen ist einfach, aber geschmacklich großartig. Ich habe knapp vier Euro für beide bezahlt. Menschen kennenzulernen, die einen Fremden nach 10 Sätzen mitnehmen und mit denen man sich dabei unterhält, als ob man sich schon Jahre kennen würde, ist faszinierend, befreiend und wunderschön.

Trotz all der tollen und interessanten Erfahrung am ersten Tag, stellt sich abends im Zimmer dann doch ein leichtes Gefühl der Einsamkeit ein. Ob es das alleine sein war oder die Tatsache, nicht allein sein zu müssen, aber es irgendwie zu wollen, ist mir noch unklar. Doch nach einer erholsamen wieder nicht allzu langen Nacht ist dieses Gefühl verflogen, und ich bin voller Tatendrang und Neugierde.

Der Morgen hier ist wunderschön, ein leichter Nebel hängt in den Bäumen und die Luft ist so erfrischend, alles wirkt so entspannt und beruhigend auf mich, dass ich mir wünsche, ab jetzt und für immer den Morgen so erleben zu dürfen. Die Tage beginnen um 05.30 Uhr und die erste Meditation geht um 06:00 Uhr los. Danach liegt es in deiner Hand. Den ganzen Tag fallen die unterschiedlichsten Meditationen und Workshops an, so dass einem nie langweilig werden kann. Wobei es hier keine Langeweile gibt, denn wenn ich mal keine Meditation besuche, lese oder irgendwo essen bin, sitze ich am Badeteich und genieße die Natur. Wie verrückt ist es, dass wir verlernt haben, die Natur so intensiv zu genießen und zu beobachten? Denn mich quält meistens das Gefühl, keine Zeit dafür übrig zu haben.

Nach drei Tagen kommt die Frage in mir auf, ob ich Zeit verschwende? Denn all die offenen Fragen, Themen und Probleme, die ich von Salzburg hier her mitgebracht habe, haben bisher keinen Platz. Ganz im Gegenteil, sie sind wie weg, nicht mehr greifbar, auch wenn ich versuche, in einer ruhigen Stunde darüber nachzudenken, ist es, als ob das alles nicht mehr wichtig, ja sogar nicht mehr vorhanden wäre. Es ist aber nicht so, dass ich sie für die Zeit hier unterbewusst zur Seite geschobene habe. Nein, ich habe sie akzeptiert, verstanden, lieben gelernt und das Positive aus ihnen gezogen. Zuhause werden sie zwar noch da sein, aber als das, was sie wirklich sind. Positive Wegweiser in eine tolle und spannende Zeit, die hinter mir und noch vor mir liegt. Mein Herz ist nun offen für so viel Neues und Tolles, das noch geschehen wird, sodass ich froh über all das bin, was dem Ganzen vorangegangenen ist. Denn Festhalten tut manchmal mehr weh als Loslassen.

Also frage ich mich: Kann es Zeitverschwendung sein, die Zeit einfach nur zu geniessen, ohne immer einen Zeitplan zu haben und ohne etwas vermeintlich wichtiges geschafft zu haben? Es löst sich alles von selbst, wenn man bereit ist, seinem eigenen Weg zu folgen.

Ich finde es spannend zu sehen, wie klar einem die eigenen Muster werden. Wie einfach man teilweise doch gestrickt ist und wie schwer es ist, diese Muster abzulegen. Aber ich glaube, einige davon kann ich lösen und hier lassen.
Langsam fangen die Meditationen an, bei mir wirklich tiefgründig zu funktionieren und mich mental zu verändern. Es ist gerade 13:30 Uhr und ich habe schon 4 Stunden Meditation hinter mir. Alle unterschiedlich und die meisten im ersten Moment verwirrend, ja teilweise sogar verstörend. Bei einer der heutigen Meditationen, in der es um die Heilung der Chakren gegangen ist, hatte ich phasenweise wahrhaftig das Gefühl, neben mir zu stehen und mich selbst zu beobachten sowie zu unterstützen. Jede Meditation hilft dabei, dein Bewusstsein zu erweitern und zu bereichern. Es ist schon fast erschreckend, wie schnell sie anfangen zu funktionieren.

Hier ist wirklich alles ein wenig verrückt. Mitte der Woche hatte ich eine unsagbar schlechte Nacht mit Albträumen, die so real waren, dass ich sogar bei eingeschaltetem Licht im Zimmer die Bilder noch wie in einem Fernseher vor Augen gesehen habe. Wird wohl langsam anfangen zu wirken und mein Unterbewusstsein wird sich wohl neu sortieren. Also, es wirkt …

Das hier ist eine ganz eigene Welt und ein ganz spannender Platz. Wunderbar auf jeden Fall, ich genieße es sehr. Das Leben als kommunenartig zu bezeichnen, trifft es nicht im geringsten. Diese Welt hier funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen. Alles ist strukturiert, durchdacht und geplant, doch bietet es so viel Platz für deinen persönlichen Freiraum. Ich nehme mir bewusst manchmal Raum und Zeit für mich selbst. Ich finde es auch gut, dass ich mir auch die Zeit nehme, die Stadt, die Menschen und die Kultur kennenzulernen. Auch wenn ich dabei auf die ein oder andere Mediation verzichte. Aber da ich täglich zwischen 6 und 9 Stunden in der Meditation bin, finde ich das auch nicht schlimm. Muss mich ja dem Lebensfluss hingeben und wenn der mich nachts in die nicht so schönen Teile der Stadt bringt, dann wird das schon seinen Sinn haben. Es bringt mich zumindest Indien, mir selbst und meinen inneren Ängsten näher. Vor allem wenn die Rückfahrt einem Achterbahn ähnlichen Gefühl gleicht und in einer Rikscha erfolgt, und ich mich wie ein kleines glückliches Kind fühle.

Ich gewöhne mich langsam an Indien und das Leben hier. Für uns ist es einfach nicht erklär- und vorstellbar, wie das Leben hier funktioniert. Aber es scheint, dass es trotz der Widrigkeiten für die meisten einen Sinn ergibt. Ich könnte mir mittlerweile sogar vorstellen, hier mal eine Zeit leben zu können und auch zu wollen. Mal sehen, was das Leben für mich in diesem Zusammenhang noch bereit hält.

Das Essen ist einfach großartig, ich vermisse kein Fleisch, keinen Kaffee und keinen Alkohol. Alles ist so vielseitig und berührend. Ich habe mich auch langsam daran gewöhnt, nur mit den Fingern meiner rechten Hand zu essen, was mich jedes Mal auf eine ganz komische Art und Weise glücklich macht. Ich habe wirklich das Glück, dass man mich bei der Hand nimmt und mir die spannendsten Plätze zeigt, denn ehrlich gesagt, würde ich mich trotz meiner Neugierde in die meisten Läden oder Stände nicht reinsetzten.

In vielerlei Hinsicht ist es spannend zu sehen, wie einem hier die Zeit unter den Fingern davon rinnt, ohne dass man es bemerkt. Man ist hier permanent präsent und im Moment, was wie zu einer Sucht wird. Zuhause ist oft eine halbe Stunde zu meditieren unvorstellbar oder eine Stunde nur unter den Bäumen zu sitzen, hier bin ich bis zu 9 Stunden täglich in der Mediation oder sitze stundenlang unter einem Baum, und es belastet mich nicht im geringsten. Ganz im Gegenteil, nach jeder Stunde, die vollendet ist, freut man sich schon auf die nächste.

Ich kann sagen, dass mir weder Internet, Zeitung, Fernsehen oder Telefon wirklich fehlt. Ich finde sowieso, dass wir zu sehr in einer Welt leben, die wir bewusst für andere kreieren, und dabei auf uns vergessen. Jeder Moment muss quasi für die Außenwelt festgehalten werden und dabei verstreicht genau die Zeit, in der wir den schönen Moment eigentlich erleben würden. Absurd eigentlich und ich bin davon nicht ausgenommen, denn kaum zuhause angekommen ist Instagram, Facebook und Co. wieder so präsent. Aber dafür werde ich mir in Zukunft eine Lösung überlegen müssen.
Ich glaube, es wäre blöd, nun eine Empfehlung abzugeben und euch zu bitten, die Erfahrung auch zu machen. Ich kann euch nur erzählen, wie gut es mir getan und gefallen hat und wie unbeschreiblich meine Erlebnisse waren. Ihr müsst für euch selbst ganz allein herausfinden, wo, was und vor allem wer euch gut tut und was euch auf eurem eigenen Lebensweg voran bringt.
Also wünsche ich auf diesem Wege alles Liebe und Gute!

Namaste, meine Freunde!

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